Margret Iversen schrieb uns am 10.02.2026
Thema: Mona Yahia: Vier Tage
Rezension auf: literaturkritik.de
Wer Welthaftigkeit in zeitgenössischer Literatur erwartet, muss diesen Roman lesen.
„Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu lassen“, sagt Joseph Conrad. Dieses Ziel wird in „Vier Tage“ erreicht: wir sehen neue Welten, wir leben, leiden und lernen darin – ganz ohne Fantasy, ganz ohne SciFi, ganz in der wirklichen Welt.
Alte, verrostete Schlüssel verschiedenster Farbe und Form an einem schwarzen Brett – das hätte eine Installation von Mona Yahia sein können damals, als ich sie als Künstlerin kennenlernte. Heute ist sie Schriftstellerin, ihr dritter Roman ist erschienen. Die Schlüssel tauchen im zweiten Kapitel auf. Sie hängen in der Baracke einer israelischen Millitärbasis im Sinai, gesammelt von einem ehemaligen Knopffabrikanten aus Ägypten. Schlüssel zum Eigentum enteigneter Juden aus den arabischen Ländern – Schlüssel zu ihren Fabriken, Werkstätten, Eigenheimen, die sie zurücklassen mussten. Hunderttausende sollten es sein, das Schwarze Brett ist ein Anfang, um das Schweigen zu brechen, in dem sich die israelische Gesellschaft gegenüber dem Schicksal ihrer arabischstämmigen Mitbewohner zu versammeln scheint. Hier wird von ihnen erzählt, am Beispiel von vier Menschen aus vier Generationen einer Familie aus dem Irak, an verschiedenen Orten der Welt: Eine Diaspora, von der die westliche Welt kaum etwas weiß.
Ich habe diesen Roman mit anhaltender Spannung und großem Interesse gelesen und fühle mich etwas verlassen, weil ich jetzt durch damit bin. Erzählt wird je ein Tag im Leben der vier Mitglieder einer Familie, und Mona Yahia schafft es, diesen einen Tag zum Prisma von Lebens-, Familien- und Weltgeschichte zu machen.
Da ist zunächst Hayim mit seiner Familie, der Arzt in Mossul 1918. Der zweite Teil erzählt von dessen Tochter Rebecca im jungen Tel-Aviv von 1936, der dritte von deren Enkeltochter Leila, Soldatin auf einer Abhörstation im Sinai am Beginn des Yom-Kippur-Krieges 1973. Der vierte Teil schließlich handelt von Rebeccas Sohn Nemir, Vater von Leila, in Istanbul 1992.
Bei Hayim wurde ich eingesponnen in die Vielvölkerstadt Mossul (heute Irak) an dem Tag im Nachkriegsjahr 1918, an dem ein Machtwechsel zwischen türkischer und britischer Fremdherrschaft droht. Hayim, der Arzt – osmanischer Beamter, Araber und Jude – muss sich entscheiden, wem er folgt. Er ist der Leibarzt des Gouverneurs, er steht im Schutz der politischen Macht. Nie kann er sich sicher sein, wie weit der Schutz währt. Dieser letzte Tag vor der Flucht aus Mossul nach Istanbul, dem sechsten Aufbruch und Umzug seiner Familie innerhalb der letzten zehn Jahre, ist getragen von der untergründigen Anspannung einer existenziellen Gefahr, ablesbar weniger aus den Worten und dem Handeln des Arztes, sondern aus seiner angespannten Wachsamkeit. Keine Regung seines Gegenübers entgeht ihm, jede Reaktion wird abgeklopft auf Zeichen von Freund- oder Feindschaft. Es geht darum, die Familie in Sicherheit zu bringen. Nie aber vergisst die Erzählerin dabei das Hier und Jetzt: Hayims Spaß mit den Freunden, die Alkohol- und Spielexzesse, das Musizieren mit dem Gouverneur, das Turteln mit seiner schlagfertigen Ehefrau, die zärtlichen Minuten mit seinen kleinen Töchtern. Hayim heißt Leben, Yahia auch.
Rebeccas Welt im Tel-Aviv des Jahres 1936 hat weniger Welthaftigkeit, ist intimer, dafür riecht alles nach Beton und dröhnt vom Lärm der Baumaschinen und man taucht ein in das helle, von russischen Einwanderern geprägte, von der Shoah noch nicht verdunkelte Licht der jungen israelischen Stadt. Rebecca ist der konservativen, muslimisch geprägten Umwelt ihrer Familie entflohen – hat ihren kleinen Sohn verlassen, um dem westlichen Freiheitsversprechen auch für Frauen zu folgen. Ihre jüngere Schwester kommt, um sie zur Rückkehr zu bewegen.
Teil 3 – eine Abhörstation im Sinai des Jahres 1973, auf der Nemirs Tochter Leila aus London ihren freiwilligen Militärdienst ableistet – trifft ins Herz der israelischen Nation und gibt, am Tag des Angriffs Ägyptens, dem Beginn des Jom-Kippur-Krieges, Antwort auf die Frage: Wie schafft es diese kleine, zusammengewürfelte Gesellschaft, seine Existenz so erfolgreich zu verteidigen? Yahia beschreibt den Alltag auf der Militärbasis mit so erstaunlicher Präzision, dass ich beim Lesen im Hintergrund schon die Drohgebärde des israelischen Geheimdienstes zu sehen vermeinte. Höhepunkt ist der Karneval zu Purim, auf dem alle sich als Ägypter verkleiden – atmosphärisch erlebbar als ein Seiltanz zwischen Spielfreude und Zynismus.
Am Ende wird die Geschichte von Leilas Vater Nemir, Enkel von Hayim und Sohn von Rebecca, rekonstruiert. Nebenbei werden die Brüche und Verbindungen zwischen den Vieren aufgezeigt. Im Vordergrund aber steht ein Teppichkauf, zu dem Nemir sich von London aus zurück nach Istanbul begibt, in die Stadt seiner Kindheit. In Rückblenden erfahren wir, wie Nemir, der von seiner Mutter Rebecca zurückgelassene Sohn, als Teenager verzweifelt aus seiner lose gefügten Ersatzfamilie auszubrechen versucht.
Wie schafft es die Autorin, so komplexe historische und biografische Hintergründe zu verdichten und miterlebbar zu machen? Humor spielt eine Rolle – ganz leise, nie vordergründig auf Effekt ausgerichtet. Es ist ein tief menschlicher Humor, der, trotz aller Widrigkeiten, das Leben zu feiern versteht. Hinzu kommt eine ungeheure Schreibdisziplin, um das zu Erzählende in dieses Korsett der vier Tage einzupassen. Es gelingt. Im ersten Kapitel musste ich mich erst daran gewöhnen, war manchmal auch unwillig dabei, mich auf die Dehnung der Minuten an diesem Tag einzulassen. Aber zunehmend akzeptierte ich dieses Erzählprinzip, denn im Verlauf der weiteren 400 Seiten habe ich diesen Widerstand beim Lesen nicht mehr gefühlt. Es hängt, wie immer, mit dem Vertrauen zusammen, den man als Leser*in zunächst zur Erzählstimme aufbaut. Und Mona Yahia schafft das. Ihr Erzählen ist äußerst verlässlich.